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Jüdische Kultur missverstanden

Leserbrief, Info 3, Juni 1997

(Zu Judith Krischik, »Das Judentum als spiritueller Weg,« Info 3, 5/97) Ich möchte mich bei Judith Krischik für ihren excellenten Artikel über mich und meine Arbeit in der Mai-Ausgabe von Info 3 bedanken. Es gibt jedoch einen Bereich der jüdischen Kultur, den sie nicht verstanden hat. Sie gab einen falschen Eindruck wieder, den ich gern korrigieren möchte. Zu Beginn des Interviews bescrieb Krischik mich so: »Yonassan Gershom strahlt eine permanente Unruhe aus. Zwischendurch streicht er kurz mit beiden Händen seinen langen Bart glatt. Bei jeder Frage, schaut er nach unten auf den Boden. Dann kommt seine Antwort wie herausgeschossen.«

Nach dieser Beschreibung sieht es so aus, als hätte Krischik normales chassidisches Verhalten mit Nervosität verwechselt! In der chassidischen Kultur ist das Streichen über seinen Bart kein Zeichen der »Unruhe« -- es ist ein Zeichen von Weisheit! In vielen unserer Lehrgeschichte ist »Der Rabbi strich über seinen Bart...« eine übliche Redewendung, die auf Gebet und Kontemplation hinweist. Wenn ein chassidischer Rabbi über seinen Bart streicht, heißt das, daß er seinen Gedanken nach innen wendet. Kein religiöser Jude würde diese Geste jemals als »Unruhe« interpretieren.

Außerdem ist es wichtig zu wissen, daß orthodoxe und chassidische Juden Ihren Körper vor und zurück wiegen, wenn wire beten und wenn wir unsere religiösen Texten studieren. Wir sitzen nicht mäschenstill und die Hände gefaltet wi die Christen. Wenn man in eine orthodoxe Synagoge geht, sieht man sofort, daß sich dort alle während der Gebete hin-und herwiegen. Dieses Hin- und Herwiegen wird im Juddischen »Schuckeln« genannt und gehört zur Körpersprache der chassidischen Gebete und Kontemplation. Wenn ich also in der Interview über die Fragen nachdachte, bewegte ich mich natürlicherweise und unbewußt vor und zurück so wie alle Chassidim, die über spirituelle Fragen nachdenken. Da is nicht »Unruhe« -- es ist Meditation!

Ja, ich schaue auf den Boden, wenn ich während eines Interviews spreche, denn in der chassidischen Kultur gehört es nicht für einen Mann,. direkt in die Augen einer Frau zu schauen, die nicht seine Ehefrau ist. Deshalb ist es schwierig für mich, in einem Interview auf eine seltsame Frau starren zu müssen, ohnen meine Blick in richtiger chassidischer Weise abzewenden, Was Frau Krischik als Nervosität mißinterpretiert, weil ich auf den Boden schaute, ist tatsälich ein Zeichen von tiefsten Respekts der Chassidim gegenüber Frauen, deren Privatleben sie respektieren.

Ich hoffe, daß diese Erklärungen über die »Körpersprache« der chassidischen Kultur helfen werden, eine Schritt zu machen, besser Brücken zwischen Juden und Deutschen bauen zu können. All Anfängen sind schwer, und wenn man einen multikulturellen Dialog beginnt, is es sehr wichtig, sich daran zu erinnern, daß Sprachbarrieren nicht die einzige Schwierigkeit sind, die zu Mißverständnissen führen können. Einfache Gesten können von Kultur zu Kultur sehr verschiedene Bedeutungen haben. Ich frage mich nun: Wie viele Menschen an der Berliner Tagung dachten wohl, dß ich »nervös« war, weil ich mich vor und zur¨ck wog? Erlebten sie das als »weninger spirituell,« weil ich nicht still saß wie ein Christ? Das sind Mißverstädnisse, die Waä zwischen uns bilden. Deshalb bitte, lieber Leser: Wenn Sie das nächste Mal einen chassidishen Juden sehen, der sich hin- und herwiegt und seinen Bart streicht, erinnern sie sich bitte daran, daß diese Gesten Gebet und Devotion gegenüber Gott repräsentieren, nicht Unruhe.

Rabbi Yonassan Gershom, USA


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