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Multikulturelle Aspekte der Reinkarnationsforschung

von Yonassan Gershom

Auszug aus einem Vortrag am »Institute for Discovery Science«
in Las Vegas, im Mai 1997.

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auf Englisch


Als Rabbi Isaac Luria, der grosse jüdische Mystiker des 16.Jahrhunderts, darum gebeten wurde, seine Lehre für zukünftige Generationen aufzuschreiben, antwortete er: »Wie soll ich wissen, wo ich anfangen soll? Alles ist miteinander verbunden.« Und so schrieb er kaum etwas über seine spirituellen Erfahrungen - nicht, weil er keine hatte, sondern weil er sich nicht in der Lage sah, sie niederzuschreiben, ohne sie einzuengen.

Ich denke oft, dass sich Rabbi Luria im Internet zu Hause gefühlt hütte, weil er da der Darlegung seiner geistigen Erfahrungen eine bessere Gliederung hütte geben können. Das Internet erinnert in seinem Aufbau an die Art, wie jüdische theologische Diskussionen in der Regel geführt werden, wobei es keinen bestimmten Anfang wie auch kein genau definiertes Ende gibt. Man greift einfach das auf, was gerade auf dem Bildschirm erscheint, jede Seite ist die »richtige«, um eine Diskussion beginnen zu künnen.

Im Talmud zum Beispiel ist in der Tat alles miteinander verbunden. Die üblichen Grenzen zwischen Religion, Wissenschaft, Geschichte, Kultur, Folklore, Philosophie und Spiritualität sind im Judentum nicht so eindeutig wie im europäischen Denken. Sich auf traditionelles jüdisches Denken einzulassen, bedeutet, ein spirituelles Ökosystem zu betreten, das keine eindeutige Abgrenzung zwischen »Wissenschaft und Religion« oder »profan und heilig« zieht. Sich kosher zu ernähren (ein scheinbar profanes Tun), hat für den religiösen Juden spirituell gesehen den gleichem Stellenwert wie einen ganzen Tag im meditativen Gebet zu verbringen. Warum? Weil vom Standpunkt der jüdischen Theologie aus die Ausübung des jüdischen Brauchs im Zusammenhang mit allem Geschehen im Universum steht. Das Judentum selbst umfasst die Gesamtheit des Lebens und die Religion« ist hiervon kein selbstaendiger eigenstaendiger Teil. Deshalb anfüngt auch die Bibel mit der Schöpfungsgeschichte des gesamten Kosmos an und nicht mit der Geschichte des Moses und der des jüdischen Volkes.

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Ich wurde in das Studium der Reinkarnation durch zwei traditionelle jüdische Schulen eingeführt - den Chassidismus und die Kabbala. Beide pflegen seit Jahrhunderten den Gedanken der Reinkarnation. Auch ich glaube daran. Ich habe die Existenz der Reinkarnation nie in Frage gestellt. Deshalb war der Gedanke, dass Menschen, die im Holocaust umkamen, sich bereits wiederverkörpert haben, für mich weder ein Chock noch eine Ueberraschung. Mir war nicht wichtig, ob diese Erfahrungen im objektiven Sinn »real« sind oder nicht. Vielmehr ging es mir darum, den tiefen emotionalen Schmerz zu heilen, den diese Menschen in ihrer Seele trugen. Die Menschen, die zu mir kommen, kommen nicht der wissenschaftlichen Forschung wegen, sondern um einen religiösen und/oder spirituellen Zusammenhang zu finden, den sie für ihr inneres Wachstum benötigen.

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Aus meiner Kindheit in Amerika kenne ich folgenden Kinderreim: »four-and-twenty blackbirds baked in a pie« und »when the pie was opened, the birds began to sing - wasn´t that a dandy dish to set before the king!« Dieses Liedchen erschien mir stets sinnlos, da amerikanische Blackbirds - ob Stare, Krähen oder was auch immer - nicht singen. Sie stossen einen rauhen, kreischenden Laut aus, der kaum ein passendes Geschenk für einen König wäre. So hat mich das Bild dieses Reimes stets gewundert, bis ich auf eine Vortragsreise nach Europa kam und dabei die Gelegenheit hatte europaeische Blackbirds (Amseln) zu hören, die in der Tat singen. Sie sehen genauso schwarz aus wie unsere, gehören jedoch zu einer vollkommen anderen Art nämlich zur Drosselart, die eher mit dem amerikanischen Rotkehlchen verwandt ist. Plötzlich verstand ich den Kinderreim.

Für den Rest meiner Europareise wurde dieses Erlebnis ein Paradigma fuer mich, das die Missverständnisse erklärte, die in interkulturellen Gesprächen ueber Reinkarnation und Studien des Nachtodlichen auftreten können. Es ist durchaus möglich, dass zwei Menschen aus zwei verschiedenen Kulturen genau dieselben Worte verwenden oder dieselben Bilder sehen und sie doch sehr anders verstehen. Diese Erkenntnis wurde zu meinem Thema für den Rest meiner Vortragsreise und ist auch das verbindende Glied zwischen den scheinbar zusammenhanglosen - und doch eng miteinander verknüpften - Begebenheiten, die ich hier erzühlen möchte.

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In meinem zweiten Buch »From Ashes to Healing« wird detailliert ein nachtodliches Erlebnis einer Frau namens Abbye Silverstein geschildert. Abbye Silverstein ist in diesem Leben Jüdin und wuchs in einer Familie auf, wo der Sabbat und die Einhaltung der Feiertage Teil des Familienlebens waren. Sie glaubt, auch in ihrem früheren Leben Jüdin gewesen zu sein und auch damals einer traditionell- religiösen Familie angehört zu haben. Deshalb versteht sie verständlicherweise ihre Erinnerungen an ihr vergangenes Leben aus einem rein jüdischen Zusammenhang heraus.

Unter Hypnose beschrieb Abbye Silverstein, dass sie zur Zeit der Machtergreifung Hitlers bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie hat daher auch keine unmittelbare Erinnerungen an den Holocaust selbst, doch sie meint sich zu erinnern, dass sie auf der geistigen Ebene als Heilerin fuer jüdische Seelen, die in den Lagern umkamen, gewirkt hat. Sie beschreibt den Astralleib derer, die Schmerzen und Foltern erleiden mussten, als »verkrüppelt« und »verstümmelt«. Um sie zu heilen hätten die Engel ein eigenes Gebiet für sie im Himmel geschaffen, ein Duplikat der Dörfer, die die Nazis zerstört haben. Dort wurden sie mit ihren Familien und Freunden wieder zusammengefuehrt und verbrachten einige Zeit in dieser sie pflegenden jüdischen Umgebung bis sie bereit waren, sich auf der Erde als Juden der Baby-Boom-Generation wiederzuverkörpern.

Vom Standpunkt eines multikulturellen Bewusstsein war die öffentliche Reaktion auf die Erzählung der Abbye Silversteins äusserst aufschlussreich. In der Regel hatten Juden keine Probleme mit dieser Geschichte, auch nicht Menschen, die in diesem Leben missbraucht worden waren. Beide Gruppen begreifen, dass missbrauchte Opfer, um vom Mißbrauch geheilt zu werden, eine Zuflucht benötigen, wo sie nicht fürchten müssen, erneut missbraucht zu werden. Ähnlich wie vielleicht eine vergewaltigte Frau das Bedürfnis hat, eine gewisse Zeit in einer Frauengruppe therapiert zu werden, um sich allmählich wieder öffnen und ueber die Gefühle ihrer Erfahrung sprechen zu können, könnte es jüdischen Seelen gehen, daß sie sich sicherer fühlen und eher Heilung finden, wenn sie sich in einer Umgebung mit Juden aufhalten, die ihre tiefen Verletzungen und Leiden verstehen.

Am anderen Ende des Spektrums haben dagegen viele Anhänger des New Age keinerlei Beziehung zu Abbye Silversteins Erzählung. Das New Age lehrt, dass wir in unseren verschiedenen Leben eine Vielzahl von Kulturen erleben müssen, um uns geistig entwickeln zu können. Deshalb wird von ihnen der Gedanke an eine Wiederverkörperung in ein und dieselbe Kultur rundweg verworfen. Das heißt beinahe verworfen. Denn obwohl die New Age-Anhänger den Gedanken ablehnen, dass Juden als Juden wiederkehren, haben sie anscheinend kein Problem damit, dass Tibeter als Tibeter wiederkehren. Wenn wieder einmal ein Zuhörer während einer meiner Vorträge einwirft, dass man sich geistig beschränken würde, wenn man immer nur als Jude zurückkäme, frage ich, ob er das Gleiche bei dem Gedanken empfindet, dass der Dalai Lama seit 14 Generationen als Dalai Lama zurückkehrt. Es wurde mir kein einziges Mal gesagt, dass das den Dalai Lama in seiner spirituellen Entwicklung einschränkt.

Wenn ein und dieselbe Erfahrung - nämlich in dieselbe Kultur viele Male wiedergeboren zu werden - für Tibeter als »spirituell«, für Juden aber als »beschränkend« interpretiert wird, könnte uns das nicht den Eindruck vermitteln, dass sich da eine subtile Form des Antisemitismus zeigt? Falls ja, wäre es möglich, dass ähnliche Vorurteile auch unsere Wahrnehmung anderer Reinkarnationserzählungen färben? Könnte es sein, dass ein solches Vorurteil auch die Menschen beeinflusst, die als Versuchspersonen an diesen Studien bereit sind, teilzunehmen?

Wann immer ich auf Vortragsreise bin und vor zahlreichem Publikum spreche, muss ich feststellen, dass die Mehrheit der New Age-Anhänger in Amerika einer Mittelklasse mit einem vorrangig europäischen kulturellen Hintergrund angehört. Das führt mich zu einer weiteren Frage: Sind die Vorstellungen im New Age über das Nachtodliche wirklich universell oder kulturell gefärbt?

In Berlin nahm ich als Redner an einer von der Anthroposophischen Gesellschaft veranstalteten Tagung über Reinkarnation und Karma teil. Als sich unsere Gespräche jedoch vertieften, wurden einige wesentliche Unterschiede deutlich in der Ansicht, was Anthroposophen glauben und was ich als Chassid über die verschiedenen Stufen der Seele glaube. Diese Unterschiede wiederum machten deutlich, dass wir zu unterschiedlichen Auslegungen über den Stellenwert einer Reinkarnationserzählung kommen. Verschiedentlich wurde mir von Anthroposophen gesagt, dass Beschreibungen des Nachodlichen, die detaillierte materielle Vorstellungen beinhalten - wie zum Beispiel die oben geschilderten Erinnerungen der Abbye Silverstein - nicht das Ergebnis tiefer spiritueller Erfahrungen sind, gerade weil sie Details beschreiben.

Amerikanischen Forschern esoterischer Themen erscheinen Erzählungen von geistigen Erfahrungen umso glaubwürdiger je mehr Einzelheiten sie enthalten. Doch vom Standpunkt Rudolf Steiners Philosophie gehören klar geformte und beschriebene Visionen dem niederen Astralplan an, waehrend die höheren Sphären wie unförmige Wirbel einer undifferenzierten Energie erscheinen.

Ich denke manchmal an meine ersten Eindr^uuml;cke zurück, die ich vonden Malereien der Waldorfschüler aus Minneapolis hatte. Keiner der Schüler malte Häser, Pferde, Autos und Lastwagen, was Kinder in der Regel in der normalen Grundschule im Kunstunterricht tun. Dagegen waren die Wände voll von Malereien, die regelrecht verwischt um die Ränder herum waren, ohne klar umrissene Formen und Grenzen. Für mich sahen die Bilder der Kinder alle gleich aus. Ich sah darin überhaupt nichts Individuelles, obwohl gerade die Anthroposophie grossen Wert auf die Entwicklung der Individualität legt. Was also ging hier vor?

Sp^äter sprach ich vor einem Publikum im Goetheanum, dem anthroposophischen Zentrum in Dornach in der Schweiz. Im Goetheanum sah ich ähnliche Malereien an den Wänden, die in der gleichen Weise abstrakte Wirbel in Pastellfarben darstellten. Ich erfuhr, dass diese Malereien die kreative Energie der höheren geistigen Welten abbilden. Offensichtlich sind die Anthroposophen von Kindheit an darauf konditioniert, diese Wirbel-Farben als etwas Spirituelles anzusehen. Handelt es sich dabei aber wirklich um höhere Stufen als bei den Beschreibungen konkreter Details, die andere in Visionen erleben? Drückt sich darin nur eine weitere Art und Weise aus, wie eine bestimmte Kultur ihr Erleben ausdrueckt?

Dabei musste ich an die konkreten, in alle Einzelheiten gehenden Zeichnungen der Visionen Black Elks denken, des indianischen Medizinmannes aus Dakota, dessen berühmte Geschichte in dem Buch »Black Elk Speaks« erzählt wird. Er sah in einem nachtodlichen Erlebnis Pferde und Buffalos, Bäume und Prärien. Er sah den Lebensbaum in voller Blüte und seinen Stamm als freies Volk in der Prärie lebend. Hier fand ich mehr Ähnlichkeit mit Abbye Silversteins himmlischen Dorf als mit den Energie-Wirbeln der Anthroposophen. H^auml;tte Black Elk im Geistigen die von Anthroposophen gemalten Wirbel erblickt, hätte er vielleicht gedacht, es sei ihm mißlungen, überhaupt eine Vision gehabt zu haben.

Bei weiteren Nachforschungen stellte ich fest, dass viele der Ureinwohner Amerikas, ähnlich wie die Juden, die Meinung vertreten, dass man sich in der Regel in der eigenen Kultur wiederverkörpert. Auch die Drusen, eine Stammeskultur aus dem Nahen Osten, glauben fest daran, dass sie immer wieder als Drusen wiederkehren. Vielfach haben Drusen-Kinder Erinnerungen an ein vergangenes Leben sehr genau beschrieben, bis zum Wiedererkennen von Familienangehörigen aus einem vergangenen Leben. Doch Angehörige von Volksstämmen (zu denen ich die Juden zähle) sind grösstenteils unterrepräsentiert in den Studien über Reinkarnation.

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Das sind nur einige von meinen Aufzeichnungen, die ich während meiner Reisen mache und in meine mulitikulturelle Vorträge einbringe. Kann man bei Erlebnissen und bei der Einordnung von Reinkarnationserzählungen der Einfluss der eigenen kulturellen Herkunft vollkommen ausgeschlossen werden? Wahrscheinlich nicht. Doch wenn wir uns dieser Unterschiede stets bewusst sind, die bei Studien in westlichen Kreisen bisher unbeabsichtigt nicht berücksichtigt wurden, können wir vielleicht unser Verstaendnis über Reinkarnation durch den Austausch von Erfahrungen mit anderen Kulturen vergrössern. Ich hoffe, dass wir jetzt, wo wir in das 21.Jahrhundert eintreten, zu erkennen beginnen, was Rabbi Luria bereits vor 5 Jahrhunderten erkannt hat: dass in der Tat alles miteinander verbunden ist.

© copyright 1997: Yonassan Gershom

(Uebersetzung: Suzanne Schlitt)

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